Mehr Leistung soll sich wieder lohnen

Der Mangel an Arbeitskräften entwickelt sich zu einem massiven Problem in Österreich. Unternehmen reagieren mit flexiblen Arbeitszeitmodellen – es braucht aber auch neue politische Konzepte, um Leistungspotenziale zu heben und qualifizierte Fachkräfte aus dem Ausland nach Österreich zu bringen. 

Wenn man Unternehmerinnen und Unternehmer nach den Vorteilen Österreichs als Wirtschaftsstandort fragt, erhält man fast immer die gleiche Antwort: motivierte und hochqualifizierte Arbeitskräfte und die Innovationsstärke als wichtige Dimension von Produkt- und Servicequalität. Die angespannte Lage am Arbeitsmarkt schwebt also wie ein Damoklesschwert über Österreich. Zuletzt steigt die Arbeitslosenquote zwar wieder ein wenig, in den vergangenen Monaten gab es in einzelnen Bundesländern aber mitunter rein rechnerisch weniger als einen Arbeitslosen pro offener Stelle. In Österreich liegt die Arbeitslosenquote am niedrigsten Niveau seit 15 Jahren. Noch deutlicher ist das Problem bei Lehrstellensuchenden. Nur in Wien und im Burgenland kamen zuletzt auf eine offene Lehrstelle mehr als ein Lehrstellensuchender. In allen anderen Bundesländern ist das Verhältnis umgekehrt. Die Lehre sorgt in der Industrie aber für den hochqualifizierten Fachkräfte-Nachwuchs – ein Modell, das auf der ganzen Welt als vorbildhaft gilt.

Unternehmen gehen mit dieser Situation unterschiedlich um. Für die rot-weiß-rote Fluglinie Austrian Airlines ist es ein erster logischer Schritt, individuelle Arbeitsmodelle zu finden, die möglichst gut zur Lebens- und Arbeitsrealität der Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern passen. 

Ich bin eine große Verfechterin davon, mit Mitarbeitenden zu sprechen und sich die individuellen Bedürfnisse anzusehen.

“Pauschallösungen passen weder für ein einzelnes Unternehmen, noch für eine Branche oder gar ein ganzes Land. Dass es Unterschiede in Arbeitsmodellen für IT-Spezialistinnen und -Spezialisten oder von Pilotinnen und Piloten geben muss, liegt in der Natur dieser Berufe, sowohl was Arbeitsort als auch Arbeitszeiten betrifft. Auch wenn es um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie geht, sieht Annette Mann stark individuelle Bedürfnisse. “Die einen brauchen maximale Planbarkeit und möglichst wenig Abweichung davon. Andere wiederum schätzen mehr Flexibilität. Als Arbeitgeber geht es darum, diese konkreten Anliegen zu verstehen und eine Auswahl an Modellen anzubieten, die für beide Seiten funktionieren”. Auch Stefan Ehrlich-Adám, CEO von EVVA, kann der derzeit diskutierten, pauschalen Arbeitszeitverkürzung wenig abgewinnen.

Unternehmen brauchen so viel Flexibilität wie möglich, um die Aufteilung des Arbeitsaufkommens sinnvoll steuern zu können.

“Das Arbeitsrecht bietet schon jetzt viele Möglichkeiten, von Gleitzeitvereinbarungen bis zu einer Aufteilung der Arbeitszeit auf nur vier Wochentage, wenn das mit dem Arbeitsaufkommen vereinbar ist. Das muss aber eine individuelle Entscheidung bleiben”. Der Idee, die Arbeitszeit bei gleichbleibendem Lohn zu reduzieren, erteilt er eine klare Absage, die sich auch volkswirtschaftlich argumentieren lässt. Die Arbeitskosten sind in Österreich schon jetzt auf einem sehr hohen Niveau, was vor allem auch an den Lohnnebenkosten liegt, die Arbeitnehmer und Arbeitgeber zu leisten haben. Da in Österreich der Exportanteil besonders hoch ist, müssen die Produkte und Services aber am Weltmarkt bestehen können und hohe Lohnstückkosten sind für die Wettbewerbsfähigkeit eine große Hürde. Eine Arbeitszeitreduktion von 40 Wochenstunden auf 32 Wochenstunden bei gleichem Lohn würde die Lohnstückkosten um rund 20 Prozent in die Höhe schnellen lassen.

Bevölkerungsstruktur

Warum in Österreich und ganz Europa der Arbeitskräftemangel akut ist, hat verschiedene Gründe. Einerseits schrumpft in ganz Europa die Bevölkerung. In Österreich gibt es immer weniger 15-Jährige und damit weniger Menschen im klassischen Alter von Lehranfängern. Gleichzeitig wächst die Gruppe der Österreicher im Regelpensionsalter und der Höhepunkt ist dabei noch nicht erreicht, denn die geburtenstarken Jahrgänge der Babyboomer sind derzeit 50 bis 60 Jahre alt.

Einen weiteren Grund, warum der Arbeitskräftemangel im Laufe des vergangenen Jahres so akut geworden ist, sehen Experten darin, dass die Pandemie die Binnenmigration in Europa eingeschränkt hat. Außerdem erfolgt Migration aus Drittländern in Österreich derzeit nur wenig gesteuert. Jene Menschen, die als Asylwerber nach Österreich kommen, könnten den demografischen Wandel sogar zum Teil ausgleichen – laut Jahresstatistik des BMI für 2021 waren fast 60 Prozent der Antragsteller zwischen 18 und 35 Jahre alt und nur 0,2 Prozent über 65. Am Arbeitsmarkt wird das aber auch mittelfristig keine Auswirkungen haben. Laut Integrationsfonds sinkt der Bildungsstand von asyl- und subsidiär Schutzberechtigten in Österreich. Ein Großteil der Menschen, die in Österreich Asyl erhalten haben und Deutschkurse nach dem Integrationsgesetz in Anspruch nehmen, können nicht lesen und schreiben. Die Hälfte davon ist selbst in der eigenen Muttersprache nicht alphabetisiert, was das Deutschlernen deutlich erschwert.

Frau in der Produktionshalle von EVVA
In der Produktion von EVVA
Foto: EVVA


Internationale Fachkräfte

Die qualifizierte Zuwanderung aus Drittländern ist noch überschaubar: 6182 Rot-Weiß-Rot-Karten wurden 2022 ausgestellt. Die Zahl scheint niedrig, ist tatsächlich aber nach einer Reform der Karte mit Oktober stark angestiegen – zum Vergleich: 2021 wurden 3881 Rot-Weiß-Rot-Karten ausgestellt. 2023 zeichnet sich erneut ein starker Anstieg ab – in den ersten fünf Monaten des Jahres wurden laut AMS um 45 Prozent mehr Karten ausgestellt und es könnten für das Gesamtjahr bis zu 10.000 Bewilligungen werden, wie AMS-Chef Johannes Kopf im Ö1-Morgenjournal sagte. In Zukunft wird diese qualifizierte Zuwanderung in ganz Europa enorm an Bedeutung gewinnen.

Leistungspotenziale

Aber auch innerhalb Österreichs gibt es noch Potenziale zu heben. Laut Eurostat lag das “unausgeschöpfte Arbeitskräftepotenzial” (labor market slack) der erwerbsfähigen Bevölkerung in Österreich im zweiten Quartal 2023 bei 9,8 Prozent – im EU-Schnitt lag es bei 11,2 Prozent. In dieser Statistik werden Arbeitslose, aber auch Personen berücksichtigt, die in Teilzeit arbeiten, aber aufstocken könnten und jene, die derzeit nicht berufstätig sind, aber auch nicht auf Jobsuche. Das bedeutet: In Österreich könnten noch rund zehn Prozent der maximal möglichen Arbeitskraft mobilisiert werden und noch mehr, wenn man jene berücksichtigt, die unter den richtigen Umständen auch nach dem Erreichen des Pensionsalters weiterarbeiten würden – wenn die richtigen Register gezogen werden.

Derzeit wird der Leistungswille in Österreich kaum gefördert. Die Arbeitsmarktreform ist im Herbst 2022 nach 15 Monaten Verhandlungen gescheitert – und damit auch eine Reform des Arbeitslosengeldes. Die Regierung hat sich zwar darauf geeinigt, die geblockte Altersteilzeit abzuschaffen, die defacto einen früheren Pensionsantritt ermöglichte. Unter dem Strich scheiden Österreicher im Europavergleich aber viel zu früh aus der Erwerbstätigkeit aus. Im EU-Schnitt ist die Erwerbstätigkeit Älterer zuletzt übrigens gestiegen. Hier liegt also noch einiges ungehobenes Potenzial. Auch in den Altersgruppen darunter wird Mehrarbeit derzeit kaum belohnt. Die Regierung reagiert nun mit einem Entlastungspaket, das auch eine Erhöhung der steuerfreien Überstunden von 10 auf 18 Stunden pro Monat umfasst und den Deckel dafür auf 200 Euro erhöht.

Von Teilzeit auf Vollzeit

Eine weitere Herausforderung: Österreich ist nach wie vor eine Hochburg der Teilzeitbeschäftigung. So gab 2022 laut Statistik Austria bereits jede zweite erwerbstätige Frau und jeder achte Mann an, Teilzeit zu arbeiten. Die Gründe dafür sind bekannt: einerseits zahlt es sich aufgrund der Steuerstufen in Österreich weniger als in anderen Ländern finanziell aus, von Teilzeit auf Vollzeit aufzustocken. Andererseits gibt es zu wenige Kinderbetreuungsplätze, die vielen Eltern eine Vollzeitbeschäftigung überhaupt erst ermöglichen würden. Dafür müssen Betreuungsplätze laut “Vereinbarkeitsindikator für Familie und Beruf ” (VIF) bestimmte Mindestkriterien bei den Öffnungszeiten erfüllen. Zuletzt ist in Österreich der Anteil an Kindern, die einen Platz in solchen Einrichtungen haben, leicht gesunken auf nur jedes zweite Kind im Alter von drei bis fünf Jahren und eine noch viel niedrigere Quote bei den Jüngeren. Das ist nicht nur für die Vereinbarkeit eine schlechte Nachricht, sondern auch für die frühkindliche Bildung. Das hat auch die Regierung erkannt und will nun mit einem 4,5 Milliarden Euro schweren Paket für den Ausbau der Elementarbildung gegensteuern.