IV-Standpunkt: COVID-19-Epidemie

Analyse der ökonomischen Auswirkungen auf Österreich.

Eckpunkte

  • Totaleffekt: Summa summarum ergibt sich ein COVID-19-bedingter Verlust an Bruttowertschöpfung in Österreich in Höhe von 569 Mio. Euro. Dies entspricht 0,15 Prozent der gesamten heimischen Bruttowertschöpfung im Jahr 2020. Somit fällt der zu erwartende reale BIP-Zuwachs im Jahr 2020 in Österreich (IV-Prognose: 1,0 bis 1,25 Prozent) um rund 12 Prozent geringer aus als ohne Auftreten der COVID-19-Epidemie.
  • Kurzfristig führt die COVID-19-Epidemie zu einem auch in Österreich spürbaren Verlust an wirtschaftlicher Dynamik. Sofern es gelingt, die Ausbreitung der Infektion in den kommenden Wochen wirksam einzudämmen und in weiterer Folge zu überwinden, ist die in Europa derzeit nur mäßig dynamische Konjunktur dennoch ausreichend, diesen exogenen Negativ-Schock zu absorbieren, ohne dass die österreichische Volkswirtschaft in eine Rezession abgleitet. Zudem ist gegenzurechnen, dass eine erhöhte Sensibilität der Bevölkerung für hygienische Maßnahmen zu einer geringeren Inzidenz der üblichen Wintergrippe führen könnte, was den wirtschaftlichen Schaden aus der COVID-19-Epidemie in Österreich erheblich mildern würde.
  • Dieser Einschätzung steht nicht entgegen, dass einzelne Wirtschaftszweige von den Produktionsausfällen und Lieferunterbrechungen aus China weitaus stärker als der Durchschnitt der österreichischen Wirtschaft betroffen sein werden.
  • Mittelfristig ist zu berücksichtigen, dass die COVID-19-Epidemie in China zu einer erheblichen Veränderung von Prozessen der Leistungserbringung führt. Beispielsweise durchläuft das Land gerade ein (unfreiwilliges) „Realexperiment“, inwieweit sich Schulunterricht (weiter) virtualisieren lässt. Unter gewissen Umständen gilt dies auch für bestimmte Produktionsabläufe in der Industrie und in anderen Bereichen der Volkswirtschaft. Nach überstandener Epidemie wird es bei den chinesischen Liefer- und Leistungsstrukturen mithin keine Rückkehr zum Status quo ante geben. Vielmehr wird China einen markanten Schub an Prozessinnovation durch Digitalisierung/Virtualisierung erleben. Insbesondere, sobald auf Sicht der nächsten Monate oder Quartale ein Impfschutz gegen das Virus zur Verfügung stehen wird, erwächst hieraus mittel- bis langfristig gesehen das eigentliche Risiko der COVID-19-Epidemie für die europäische und die österreichische Wirtschaft: In Sachen Digitalisierung gegenüber China (zum Teil weiter) zurückzufallen.

Wirtschaftliche Auswirkungen im Detail

  • Ökonomische Wirkungen gehen von den Produktions- und Produktivitätsverlusten durch die Erkrankung selbst aus. Zudem berücksichtigen sie – dieser Effekt steht derzeit im Vordergrund – die Präventivmaßnahmen zum Schutz vor einer weiteren Ausbreitung der Epidemie (beispielsweise durch verlängerte Betriebsschließungen). Um die ökonomischen Auswirkungen auf Österreich zu bestimmen, wird zwischen drei Effekten unterschieden, die über unterschiedliche Kanäle vermitteltwerden.
  • In der Industrie handelt es sich fast ausschließlich um sogenannte indirekte Effekte, das heißt um Effekte, die auf B2B-Liefer- und Leistungsbeziehungen wirken. Direkte Effekte treten in der österreichischen Industrie hingegen noch nicht in nennenswertem Ausmaß auf, solange keine Infektionen in Österreich festzustellen sind und entsprechende Präventivmaßnahmen keine (oder nur marginale) Auswirkungen auf den industriellen Produktionsprozess haben.
  • Im Unterschied dazu stehen in der österreichischen Tourismuswirtschaft schon jetzt direkte Effekte im Vordergrund, also solche Effekte, die aus unmittelbar an Endkonsumenten erbrachten Dienstleistungen erwachsen.
Wirkungskanal 1:
  • Vorgelagerte (sogenannte indirekte) Effekte infolge von Produktionsrückgängen in China auf die Vorleistungslieferanten aus Österreich.
  • Dieser Effekt ergibt sich sowohl unmittelbar aus österreichisch-chinesischen Handelsverflechtungen als auch mehrfach indirekt über Verflechtungen mit Drittstaaten, in welche österreichische Unternehmen involviert sind. Bei diesem Wirkungskanal fokussiert die Analyse auf die Produktion in den Branchen (a) Pharmazeutik, (b) Elektro/Elektronik, (c) Automobilwirtschaft und (d) Luftverkehrswirtschaft.
Wirkungskanal 2:
  • Nachgelagerte indirekte Effekte infolge von Produktionsengpässen in österreichischen Produktionsstätten aufgrund einer mangelnden Verfügbarkeit von aus China bezogenen Vorleistungen (eingegrenzt auf die vorstehend genannten vier Wirtschaftszweige).
Wirkungskanal 3:
  • Direkte Effekte in der österreichischen Tourismuswirtschaft infolge des Ausbleibens von Touristen aus China sowie die daraus resultierenden indirekten Effekte.

Den zur Quantifizierung dieser Effekte durchgeführten Modellberechnungen liegt die Annahme zugrunde, dass infolge von COVID-19 mit einem Rückgang der Bruttowertschöpfung in China in Höhe von 1,19 Prozent, bezogen auf die Wirtschaftsleistung des Gesamtjahres 2020, zu rechnen sein wird. Die nachstehenden Werte (alle für das Jahr 2020) sind als Untergrenze der zu erwartenden wirtschaftlichen Einbußen in China sowie in Österreich zu interpretieren.

Effekte über Wirkungskanal 1:
  • Die österreichische Wirtschaft liefert allen vier vorstehend genannten Branchen zu (Pharmazeutik, Elektro/Elektronik, Automobilwirtschaft, Luftverkehrswirtschaft). Dabei werden auch sämtliche österreichischen Zulieferungen aus anderen Branchen berücksichtigt. 
  • Die Produktionseinbußen in China lösen ein Minus der direkten Bruttowertschöpfung in Österreich in Höhe von 105 Mio. Euro oder 0,03 Prozent aus. Unter Einbeziehung der indirekten Effekte in China sowie in Österreich beläuft sich der zu erwartende Effekt auf insgesamt minus 316 Mio. Euro oder 0,08 Prozent der österreichischen Bruttowertschöpfung.
Effekte über Wirkungskanal 2:
  • Österreichs Unternehmen beziehen chinesische Vorleistungen (für 2020 geschätzte 4,5 Mrd. Euro), davon in den vier genannten Branchen unmittelbar 388 Mio. Euro. Unter der Annahme, dass kurzfristig keine Substitutionsmöglichkeiten zum Bezug der betreffenden Vorleistungen aus anderen Ländern bestehen, erreicht der Rückgang des Bruttoproduktionswertes in Österreich 86 Mio. Euro, der gesamte Effekt rund 133 Mio. Euro.
  • Daraus leitet sich bei einem durchschnittlichen inländischen Wertschöpfungsanteil in den betreffenden Branchen in Höhe von 48 Prozent ein Rückgang der Bruttowertschöpfung von 64 Mio. Euro oder ein Minus von gerundet 0,02 Prozent der Bruttowertschöpfung in Österreich insgesamt ab.
Effekte über Wirkungskanal 3:
  • Die Zahl der Ankünfte aus China in Österreich belief sich im Jahr 2019 auf 1.033.502, die Zahl der Übernachtungen auf 1.477.299 (entsprechend einer durchschnittlichen Anzahl der Nächtigungen von 1,4). Im Mittel belaufen sich die Ausgaben pro Person und Tag im Winter derzeit auf 152 Euro sowie auf 125 Euro im Sommer. Realistischerweise liegen die durchschnittlichen Ausgaben chinesischer Touristen höher: zum einen aufgrund der spezifischen Ausgabenneigung dieser Personengruppe, zum anderen wegen der nahezu ausschließlichen Präsenz in höherpreisigen Tourismusregionen Österreichs (Salzburg, Wien), welche nicht zuletzt durch die extrem kurze Aufenthaltsdauer bedingt ist. Daraus bestimmt sich ein Wert in Höhe von 295,5 Mio. Euro für die Gesamtausgaben.
  • Bei einem angenommenen Rückgang von 80 Prozent entspricht dies einem Minus von 236 Mio. Euro bei den Gesamtausgaben chinesischer Touristen. Dieser Wert korrespondiert mit einem Rückgang der direkten Bruttowertschöpfung in Österreich in Höhe von 124 Mio. Euro. Inklusive indirekter Effekte errechnet sich daraus ein Rückgang der Bruttowertschöpfung in Höhe von insgesamt 189 Mio. Euro beziehungsweise von 0,05 Prozent.

Nicht berücksichtigt sind dabei Rückkopplungseffekte derart, dass auch im Incoming-Tourismus in China selbst Rückgänge zu verbuchen sind, da Touristen aus dem Rest der Welt ausbleiben. Diese Rückkopplungseffekte sollten für Österreich aber in einer marginalen Größenordnung liegen und werden daher hier vernachlässigt. Positiv auf die inländische Wertschöpfung wirkt sich hingegen aus, dass einige Inländer statt China nunmehr eine andere Reisedestination wählen. Sofern es sich dabei um ein Reiseziel in Österreich handelt, würden Tourismusimporte zugunsten inländischer Wertschöpfung in einem insgesamt gesehen jedoch ebenfalls nur geringfügigen Ausmaß substituiert werden.

Rückblick SARS-Epidemie 2003

  • Wie beträchtlich der wirtschaftliche Schaden durch eine Virus-Epidemie ausfallen könnte, zeigt ein Vergleich mit der SARS-Epidemie. Als China in den Jahren 2002 und 2003 unter dem SARS-Virus litt, ging das Wachstum des Bruttoinlandsproduktes laut internationalen Expertenschätzungen um ein bis zwei Prozentpunkte zurück.
  • Die Einbußen hätten noch größer ausfallen können, wenn die chinesische Regierung nicht mit Infrastrukturprojekten gegengesteuert hätte. Inwieweit dies auch im Falle einer länger anhaltenden COVID-19-Epidemie möglich wäre, lässt sich schwer einschätzen. Die Verschuldung in China hat inzwischen ein recht hohes Maß erreicht. Der wirtschaftspolitische Handlungsspielraum des Landes dürfte also tendenziell gesunken sein.

Kennzahlen Österreich - China 

Handel Österreich – China (inkl. HK 2018; Quelle: Statistik Austria)
Exporte nach China: EUR 4,6 Mrd.
Importe aus China: EUR 9,3 Mrd.

FDI Österreich – China (inkl. HK 2018; Quelle: Oenb)
Ö. FDI in China: EUR 4,9 Mrd.
Chin. FDI in Ö: EUR 3,5 Mrd.

Handel EU – China (inkl. HK 2018; Quelle: EK) 
Exporte nach China: EUR 246,7 Mrd.
Importe aus China: EUR 404,7 Mrd.

FDI EU – China (inkl. HK 2017; Quelle: EK) 
EU-FDI in China: EUR 328,0 Mrd.
China-FDI in EU: EUR 215,5 Mrd.

Rückfragen & Referenzen:

Rückfragen bitte an: Christian Helmenstein (IV-Chefökonom), Dominik Futschik (IV-Büroleiter)

Referenzen:

AGES Österreichische Agentur für Ernährungssicherheit
Bundesministerium für Digitalisierung und Wirtschaftsstandort
Economica Institut für Wirtschaftsforschung
EL PATO Medien
European Commission DG RTD
European Union Chamber of Commerce in China
Frankfurter Rundschau
Österreichische Apothekerkammer
Statistik Austria
TwinEconomics
University of Groningen
WHO World Health Organisation
WIOD.ORG

Autorin und Autoren alphabetisch:

Günther Grohall (Economica), Christian Helmenstein (Industriellenvereinigung), Anna Kleissner (TwinEconomics)

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